Nun bin ich ja ein großes Mädschen, und einzelnen Exemplaren durchaus gewachsen - in den letzten Tagen habe ich mehrere Wespenfangtechniken perfektioniert. Wenn es kalt ist, sind sie träge und können sich nicht schnell bewegen, und man kann man sie einfach "abfischen". Zu diesem Zweck hatte ich ein großes Glas und eine meiner praktischen kleinen Gehaltsabrechnungen zum Abdecken desselben auf meinem Nachttisch. Aber mit dem war es heute morgen nicht mehr getan. Ich fasste mir also ein Herz, öffnete das Fenster, nahm die Stange aus der Verankerung und haute sie auf´s Vordach, so dass die Wespen nach allen Seiten davonstoben.
Eine solche Aktion um halb acht Uhr morgens am Samstag trägt nicht unbedingt zu meiner guten Laune bei, vor allem dann nicht, wenn ich am Vorabend auf einem rotweinseligen Team-Ausflug war. Nun gut, ich schloss alle Fenster, und legte mich wieder hin, um etwas Schlaf nachzuholen. Um zehn Uhr wurde ich geweckt - vom Summen einer Wespe, die anscheinend aus meinem Wandschrank direkt auf mich zuflog - ich schwöre euch, ich konnte genau ihren niederträchtigen Gesichtsausdruck sehen:
Kurz vor meinem schlafverklärten, angsterstarrten Gesicht drehte sie aber ab, um sich zu ihren inzwischen schon wieder 5 (!) Kumpanen zu gesellen, die sich an der Netzgardine tummelten. "Es kann nicht wahr sein!", dachte ich entnervt, "wie sind die denn jetzt bitte hier reingekommen?!" Damit war immerhin bewiesen, dass sie irgendwie Zugang zum Inneren des Hauses haben mussten. Ich hatte die Lüftungsschächte in Verdacht, konnte aber nichts entsprechendes beobachten.
Als ich beim Frühstück kurz die Heizung andrehte, wachten sie erst richtig auf, summten ärgerlich und knallten mit ihren Chitinpanzern aufgeregt gegen das Fensterglas. Zeit zum Handeln. So gut es ging beseitigte ich inmitten des Wespengetümmels die allerschlimmste Unordnung, zog mich an und machte mich auf den Weg nach nebenan zu meinen Vermietern - sehr praktisch, sie so nah dran zu haben. Axel und ich waren letztes Wochenende ja bei ihnen zum Essen, was sehr nett war, und es auch etwas leichter machte, sich an sie zu wenden - ich bin ja bei sowas immer noch eher schüchtern. Da sie aber wirklich total auf meiner Wellenlänge sind, reagierten sie auch wie erwartet super.
Teresa, die Mum (sie haben 3 Kinder, ich glaube, ich habe auch schon mal darüber geschrieben), kam sofort mit mir rüber, um zu sehen, ob wir gemeinsam das Nest finden konnten. And sure enough we did, or rather: she did. Als ich gerade dabei war, die Haustür aufzuschließen, sagte sie aufgeregt, "Oh hold on, I can see them!" und deutete auf eine Öffnung oben in der Hauswand. Wir standen beide mit dem Kopf im Nacken und dem Rohr im Visir da und tatsächlich! Da gingen sie ein und aus. Und innerhalb von 3 Minuten waren es bestimmt hundert! "Okay", sagte Teresa grimmig, "I´m gonna call someone NOW". Ich war echt dankbar, dass sie die Sache in die Hand nahm, denn sicher hätte ich das irgendwie auch hingekriegt, aber so war es natürlich angenehmer.
In Deutschland sind Wespen ja geschützt und man muss den NABU rufen, dessen Wespenbeauftragter dann kommt und das Nest abtransportiert. Axel und ich haben da ein reiches Erfahrungsreservoir, denn vor zwei Jahren hatten sich die Wespen in einem Sack Blumenerde auf seinem Balkon angesiedelt. Daher wusste ich auch, dass die Nester in großer Geschwindigkeit wachsen und zum Schluß schon mal um die 3000 Individuen umfassen können. Auch die Jahreszeit kam genau hin: Oft starten sie nämlich im April und sind dann noch sehr schüchtern, weil ihr kleiner Staat insgesamt nur 10 Personen + Königin umfasst - da können sie sich den Verlust eines Arbeiters nicht leisten und müssen vorsichtig sein. Wenn sie aber einigermaßen viele sind, schwärmen sie aus, und das ist meistens Ende Juni, Anfang Juli der Fall. So jedenfalls Axel, der durch die Nest-auf-Balkon-Erfahrung zum Wespenexperten geworden ist. Daher auch seine dringliche Warnung per SMS gestern Abend, die als (reißerische ;) Überschrift dieses Posts dient.
Naja, gut, Wespenschutz in DE ist eine Sache, Wespenbeseitigung in Irland eine andere. Der von Teresa gerufene Kammerjäger kam recht schnell und ging als erstes in mein Schlafzimmer, um sich ein Bild der Lage zu machen. Die Netzgardine dort war inzwischen nicht mehr weiß, sondern schwarz-weiß getupft und lebendig. Selbst der Kammerjäger gab zu, dass es ungewöhnlich große Exemplare waren, nahm lässig eine Insektensprayflasche aus seiner Kitteltasche und sprühte das ganze Fenster damit ein. Es war mir gerade noch gelungen, einen Teil meines Bettzeugs wegzunehmen, bevor er mein Schlafzimmer in einen giftigen Nebel hüllte - noch jetzt riecht hier alles chemisch. Na gut, werde ich wohl alles einmal waschen und putzen müssen, bevor ich da wieder schlafe. Zum Glück habe ich ja mein Gästezimmer, in dem ich vorrübergehend Quartier aufschlagen kann.
Mit dem Sprayen war die eigentliche Arbeit natürlch noch nicht getan, denn außen summten die Wespen nach wie vor und gingen ihrem Tagesgeschäft nach. Irgendwie mussten sie sich jedenfalls von der Öffnung in der Hauswand in meinen Wandschrank (= hot press, der Ort, an dem sich in irischen Häusern der Wassertank befindet und an dem man seine Handtücher ablegt, weil sie dann schön warm sind, wenn man sie rausnimmt)durchgebissen haben. Der Kammerjäger holte sein Equipment und begann, eine lange Spritze zusammenzuschrauben, mit deren Hilfe er dann Insektizid-Puder in das Nest pumpte. Teresa, Ronan, ihre zur Zeit Windpocken-geplagten Kinder und ich standen in sicherer Entfernung im Nachbarhof und beobachteten, wie bei den Wespen das Chaos ausbrach. Der Kammerjäger nahm alles ganz gelassen und meinte, sie würden sich beruhigen, in ihr Nest zurückgehen und - wie die Daheimgebliebenen - dann ebenfalls an dem Puder sterben. Und bei aller Tierliebe - ich hoffe, er hat Recht. Wie gesagt, einzelne Exemplare: kein Ding. Aber monstergroß und in Scharen - nein danke.
Vorsichtshalber, falls es doch noch nicht alle erwischt haben sollte, ließ er mir einen Aufkleber mit seiner Nummer da: "Noel Buggy - Bug Buster - Pest Control Service" (and no, I´m not joking! :). Diesen durfte ich mir aber nicht einfach irgendwo hinlegen, sondern musste ihn unter seiner Aufsicht an die Innenseite der Küchenschranktür kleben, damit ich im Bedarfsfall auch wüsste, wo ich ihn finden würde. Nach dieser für irische Verhältnisse sehr effizienten Maßnahme ging er dann.
Jetzt heißt es Daumen drücken, dass es auch wirklich alle dahinstreckt. Eben habe ich schon vorsichtig ins Schlafzimmer gespäht und die Todeskämpfe auf der Fensterbank kurz verfolgt. Wie gesagt, irgendwie tun sie mir ja auch leid, aber das ist kein Zustand. Und nun ist trotz allem erstmal Zeit zum Mittagessen :)
Bis auf Weiteres grüßt euch eure mit weißem Insektenpuder gesprenkelte
Katze
1 Kommentar:
Hey meine Liebe,
Du meine Güte *kraul*!! Ich hoffe, das Problem ist bald erledigt!
Als ich meine Magisterarbeit schreib, gab es da eine ähnliche, aber wesentlich kleinere "Wespenaffäre". Unser Wohn-/mein Arbeitszimmer ist sehr verwinkelt und mein Schreibtisch befindet sich unter einer tiefen Dachschräge. Ich saß also da, sinnierte über Piraten und R. L. Stevenson, schrieb und plötzlich hörte ich es: "Ratschratschratsch!" Und das directamente über meinem Monitor - und meinem Kopf. Eine Wespe baute sich unter dem Dach ein kleines behagliches Nest - aber nicht mit mir!!
Meine Vermieterin gab mir den Ratschlag, dass Wespen Haarspray äußerst lästig finden. Ich hatte Glück, denn der Eingang zum Wespenheim war nicht weit von meinem Schreibtischfenster entfernt und ich konnte eine Mischung aus Teebaumöl, Essig und Haarspray direkt unter die Dachziegeln sprühen. Jedes Mal stob eine ääääußerst verärgerte Wespe aus dem Loch heraus und ich zog fix den Kopf ein. Ich wiederholte meine Aktion etwa ein bis zwei Wochen regelmäßig - und irgendwann wurde es Herrn bzw. Frau Wespe wohl zu bunt und mein unfreiwilliger Mitbewohner zog aus und das "Ratschratschratsch!" über meinem Kopf hatte ein Ende :)!!
Toitoitoi und ganz liebe Grüße!!
Kathie
*die sich über die Wiederbelebung Deines Blogs sehr freut*
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